Bradford-Faktor 2026: Formel, Schwellenwerte und BEM-Pflicht bei Rekord-Krankenstand

May 20, 2026

Bradford-Faktor 2026: Formel B = S² × D, Schwellenwerte 0–900+, DAK-Daten 19,5 Fehltage 2025, BEM-Pflicht nach § 167 SGB IX, Datenschutz (DSGVO/BDSG) und häufige Fehler.

Kurzantwort: Der Bradford-Faktor ist eine Kennzahl zur Bewertung des Krankenstands. Er berechnet sich als B = S² × D: S = Anzahl der Krankheitsabschnitte, D = Gesamtfehltage in einem 12-Monats-Zeitraum. Häufige kurze Erkrankungen werden überproportional stärker bewertet als wenige lange. Der Faktor stammt aus der Bradford University Management School und dient als Frühwarnsystem für gezieltes BEM. Wichtig: Eine reine Bradford-Schwelle reicht nach § 26 BDSG und Art. 9 DSGVO nicht als alleinige Kündigungsbegründung.

Was ist der Bradford-Faktor?

Der Bradford-Faktor ist eine analytische Kennzahl der Personalwirtschaft, die den Krankheitsstand eines einzelnen Mitarbeiters innerhalb eines Bezugszeitraums (üblich: 12 Monate) bewertet. Anders als die rein quantitative Krankheitsquote berücksichtigt der Bradford-Faktor die Häufigkeit der Erkrankungen und gewichtet sie überproportional.

Hintergrund: Studien der Bradford University Management School Anfang der 1980er-Jahre zeigten, dass kurze, häufige Fehlzeiten betrieblich aufwendiger sind als wenige, lange. Sie verursachen mehr Disposition, Übergaben und Vertretungsaufwand.

Die Formel des Bradford-Faktors

Die Berechnung ist denkbar einfach:

B = S² × D

  • S (Spells / Spans): Anzahl der einzelnen Krankheitsabschnitte im Bezugszeitraum.
  • D (Days): Gesamtzahl der Fehltage im Bezugszeitraum.

Rechenbeispiel

SzenarioS (Krankheits­abschnitte)D (Fehltage)Bradford-Faktor
A: Ein langer Ausfall1201² × 20 = 20
B: Mittlere Verteilung4204² × 20 = 320
C: Viele Kurzfehlzeiten102010² × 20 = 2.000

Dasselbe Volumen an Fehltagen (20) führt zu völlig unterschiedlichen Bradford-Werten – je nach Verteilung. Szenario C ist 100-mal höher bewertet als A, obwohl beide gleich viele Tage betragen.

Übliche Schwellenwerte

In der britischen und deutschen HR-Praxis haben sich folgende Schwellen etabliert:

Bradford-FaktorTypische Reaktion
0–49Keine Maßnahmen nötig
50–124Aufmerksamkeit, dokumentierte Beobachtung
125–399Rückkehrgespräch, ggf. BEM-Angebot
400–899Formales Mitarbeitergespräch, Maßnahmenplan
900+BEM verbindlich, ggf. arbeitsrechtliche Schritte

Diese Schwellen sind Orientierungswerte – jedes Unternehmen kann sie individuell festlegen, sollte sie aber in einer Betriebsvereinbarung kodifizieren.

Krankenstand Deutschland 2025: Warum der Bradford-Faktor wichtig wird

Laut DAK-Gesundheitsreport 2026 und Techniker Krankenkasse lag der Krankenstand in Deutschland 2025 erneut bei 5,4 Prozent. Durchschnittliche Fehltage pro Beschäftigtem:

  • DAK: 19,5 Tage
  • BKK: 22,3 Tage
  • AOK: 23,9 Tage

Hauptursachen: Atemwegserkrankungen, psychische Leiden, Muskel-Skelett-Erkrankungen. Psychische Erkrankungen führten 2025 zu einem Plus von 6,9 % bei den Fehltagen. Die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) gilt nach IGES-Studie 2025 als wichtiger struktureller Treiber des Rekord-Niveaus – Telefon-AU hingegen ohne nennenswerten Effekt.

In diesem Umfeld hilft der Bradford-Faktor, gezielt die Beschäftigten zu identifizieren, deren kurze und wiederholte Ausfälle die Teamproduktivität besonders beeinträchtigen.

Bradford-Faktor und BEM: gesetzlicher Zusammenhang

Nach § 167 Abs. 2 SGB IX muss der Arbeitgeber ein Betriebliches Eingliederungsmanagement (BEM) anbieten, wenn ein Beschäftigter innerhalb von 12 Monaten länger als 6 Wochen ununterbrochen oder wiederholt arbeitsunfähig war. Der Bradford-Faktor kann diese 6-Wochen-Schwelle nicht ersetzen, aber die Auswahl der für BEM relevanten Personen praxisnah priorisieren.

Datenschutz: was Arbeitgeber nicht dürfen

Die Erhebung und Verarbeitung von Krankheitsdaten ist sensibel. Wichtig:

  • Keine Diagnosen erheben: nur Fehltage, keine Krankheitsursachen.
  • § 26 BDSG: Verarbeitung von Gesundheitsdaten nur zweckgebunden und auf Basis einer Rechtsgrundlage.
  • Art. 9 DSGVO: Krankheitsdaten sind besondere Kategorien personenbezogener Daten – höhere Anforderungen.
  • Betriebsrats-Mitbestimmung: § 87 Abs. 1 Nr. 1 und 6 BetrVG bei Einführung eines Bradford-Systems.
  • Kein automatisiertes Kündigen: Eine reine Bradford-Schwelle reicht arbeitsrechtlich nicht für eine krankheitsbedingte Kündigung. Diese setzt Negativprognose, Interessenabwägung und ordentliches BEM voraus.

Wie führt man den Bradford-Faktor ein?

  • Schritt 1: Betriebsvereinbarung mit Betriebsrat schließen – Zweck, Schwellenwerte, Konsequenzen, Datenschutz.
  • Schritt 2: Transparenz gegenüber Mitarbeitenden – Information über Berechnung und Verwendung.
  • Schritt 3: Schulung der Führungskräfte – Bradford ist Indikator, keine Diagnose.
  • Schritt 4: Rückkehrgespräche standardisieren – wertschätzend, lösungsorientiert.
  • Schritt 5: BEM-Verfahren professionalisieren – BEM-Beauftragte, Datenschutzkonzept, Eskalationsstufen.

Vorteile und Grenzen des Bradford-Faktors

  • + Identifiziert echte Belastungspunkte (kurze, häufige Fehlzeiten).
  • + Datenbasiertes Tool für gezielte Gespräche statt Bauchgefühl.
  • + Frühwarnsystem für Burnout und Überlastung.
  • Kann Stigmatisierung fördern, wenn schlecht kommuniziert.
  • Berücksichtigt nicht die Krankheitsursache (chronisch krank vs. Lebenslagen-Krise).
  • Allein keine Rechtsgrundlage für Kündigungen.

5 typische Fehler beim Einsatz

  • Schwellenwerte ohne Betriebsrat festlegen: § 87 BetrVG-Verstoß macht das System unwirksam.
  • Bradford-Wert als Kündigungsgrund verwenden: Arbeitsgerichte akzeptieren das nicht – Negativprognose muss medizinisch begründet sein.
  • Mitarbeiter im Dunkeln lassen: ohne Transparenz droht ein Vertrauensbruch.
  • BEM-Pflicht ignorieren: Bradford ersetzt das BEM nicht, sondern ergänzt es.
  • Diagnosen erfragen: Verletzung der DSGVO und § 26 BDSG.

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Laura Stapf

Marketing-Spezialistin

Bei Taxmaro entwickle ich Strategien für einen wirkungsvollen Social-Media-Auftritt. Zudem verfasse ich Fachartikel im Blog zu Themen rund um HR und Lohnbuchhaltung und verbinde dabei fachliche Expertise mit praxisnahen Einblicken.